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Camino Francés, St. Jean-Pied-de-Port – Huntto (5 km)

private Herberge „Ithurburia“, Ü/F 20 €

Alter adipöser Mann aus einem münsterländischen Dorf, dessen Hausberg sich majestätisch 80 m über den Rest der Umgebung erhebt, meets „richtige Berge“.

Nach einer äußerst oberflächlich geschlafenen Nacht im Fernbus und in der Bahn spuckte mich letztere morgens um 10 Uhr in St. Jean-Pied-de-Port aus. Was soll man mit so einem angefangenen Tag schon anfangen? Ausschlafen wäre eine durchaus vernünftige Möglichkeit gewesen. Aber neben dem Hang zum Adipösen habe ich nun einmal auch einen zur Selbstüberschätzung. Vielleicht wollte ich mir auch dem 30jährigen Mitpilger aus Düsseldorf gegenüber, den ich in der Bahn kennen gelernt habe, keine Blöße geben. Also los: auf nach Roncesvalles, heute noch! Den mahnenden Worten der Mitarbeiterin im Pilgerbüro zum Trotz.

Nun ist es ja nun einmal so, dass bekanntermaßen Hochmut vor dem Fall kommt. Bereits auf dem Anstieg gleich hinter dem Ortsausgang musste ich mir – natürlich klammheimlich – eingestehen, dass dies eine Herausforderung werden kann, die sich aber so was von gewaschen hat. Schön, dass der besagte Mitpilger auf dem Weg irgendwo seine Mütze verloren hat, diese nun unbedingt suchen wollte. So erbot ich mich in einer großmütigen Geste, in der Zwischenzeit auf seinen Rucksack aufzupassen, was mir eine gute Stunde Verschnaufpause einbrachte. Diese Stunde läuterte mich, da ich erkennen musste, dass es durchaus angemessen ist, mal „zurück zu rudern“.

So entschloss ich mich, in der privaten Herberge Ithurburia in Huntto (ca. 5 km hinter St. Jean-Pied-de-Port und gute 22 km vor Roncesvalles) einzukehren. Da stand ich nun. Gut, zur Mittagszeit hatte die Dame des Hauses wohl noch mit keinem Pilger gerechnet, war gerade dabei die Spuren der vergangenen Nacht zu beseitigen. Aber Hospitalité für zahlende Kunden hatte ich mir schon ein bisschen anders vorgestellt. Erst recht auf dem Camino. Barsch wurde ich wieder raus geschickt, man sähe ja wohl, dass gerade aufgeräumt wird. Okay, durchatmen! Am besten mit einer Zigarette. Nicht gleich anlegen, Weiterziehen geht ja auch nicht mehr wirklich und mein Schulfranzösisch wird einem anspruchsvollen Disput mit Sicherheit nicht gerecht werden können. Und überhaupt bin ich ja nicht umsonst auf dem „Weg“.

Nachdem Madame ihr Tageswerk erledigt hat, entsann sie sich meiner, der nun schon der ersten Entspannungszigarette weitere folgen ließ. Die Bekanntgabe der Konditionen schien tausendfach erprobt: 20 € Übernachtung mit Frühstück. Für 15 € könnte ich auch ein warmes Abendessen haben. Ups, das ist ja mal ‘ne Hausnummer. „Non merci madame“. Hatte ja schließlich noch ein belegtes Baguette in St. Jean erstanden, und von den Schnitzelchen aus Deutschland hatten auch noch einige überlebt. Das muss reichen. Wohl oder übel.

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Zunächst der einzige Pilger in der Herberge, sehe ich mich um. Ganz nett. Die Pilger werden in Etagenbetten – aber auch in Einzelbetten – bis zu 6 Personen pro Raum untergebracht. Von den Zimmern kann man auf die rund um das Haus laufende Terrasse gelangen. Alles im baskischen Stil, sprich rote Fensterläden an weiß getünchter Fassade. Sehr netter Ausblick in die Umgebung.

Zeit, auf der Terrasse mein Tagebuch mit dem ersten Eindruck zu beglücken. Tief versunken in meinen Gedanken nähert sich das Unvermeidbare: die erste Pilgerin. Bea aus der Schweiz – sie ist nicht nur aus der Schweiz, sondern aus der Schweiz bis hierhin gelaufen. Sie ist nett, ja wirklich sehr nett, ruft aber gleich noch einen weiteren Pilger – Steve aus Kanada, 79 Jahre alt – herbei. Na prima, ich wollte doch EINMAL allein sein, das erste Mal in meinem Leben. Über mich, mein Leben bisher und demnächst, Gott und die Welt und sonst etwas nachdenken, mich nicht ablenken lassen. Kurzum, Bea sollte mich über den ganzen Weg tagtäglich bis nach Galizien begleiten. Und etwas Besseres hätte mir nicht passieren können. In ihr und durch sie habe ich so viele tolle Menschen aus aller Welt kennen gelernt, die bis heute mein Leben entscheidend beeinflussen.

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Das Abendessen soll im Übrigen essbar gewesen sein. Das Frühstück am nächsten Morgen gab einen ersten Eindruck von dem, was mich in den folgenden 6 Wochen noch erwarten wird. Als Kind eines Flüchtlings weiß ich durchaus den Wert von Nahrungsmitteln zu schätzen, aber altes Weißbrot auf den Grill zu schmeißen, entspricht nicht meiner Vorstellung von knackigen Backwaren. Auch die Auswahl an Marmeladen ist übersichtlich, entbindet mich aber von jeglichen Entscheidungskämpfen. Mit Burnout auf dem Camino doch eigentlich ‘ne super Sache. Wurst, Käse isst man ja nicht in Frankreich zum Frühstück. Offensichtlich. Croissants und sonstige Spezialitäten, die man unseren gaumenverwöhnten Nachbarn in Frankreich nachsagt, scheinen an diesem Morgen des 24. Oktober 2013 gerade nicht verfügbar gewesen zu sein.

Fazit: Kann man haben, muss man aber nicht. Aber ohne diesen Aufenthalt in gerade dieser Herberge wären viele andere Dinge auf meinem weiteren Camino nicht passiert. Also, was soll’s?

von Frank aus Wetter

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