Mein erster Jakobsweg jährt sich bald und ich werde im September ca 220km der Via Regia laufen. Vor einem Jahr um diese Zeit saß ich noch aufgeregt in meinem Büro und zählte die Tage bis zum Mai runter. Es war eher Zufall das ich den Jakobsweg ging, denn es standen einige andere Möglichkeiten zur Auswahl. Mein Leben war nicht kompliziert und ich hatte auch nichts zu überdenken. Ich wollte einfach eine kleine Auszeit für mich nachdem ich eine Menge Kraft investiert hatte um mein Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Ja dafür braucht es den Weg nicht, sondern einfach nur den Willen. Ich wusste auch so, dass ich irgendwann falsch abgebogen war.

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Die Entscheidung für den Jakobsweg war einfach eine pragmatische, denn ich würde das erste mal alleine reisen. Zur Auswahl standen damals noch Work & Travel in Schweden oder Irland und ein buddhistisches Kloster in Japan unter Leitung eines deutschen Abtes. Ich bin katholisch getauft aber mit Anfang 20 aus der Kirche ausgetreten, weil ich mit dem Glauben nichts anfangen konnte. Ich habe mich in zig Glaubensrichtungen eingelesen und mich mit ihnen befasst. Dennoch fand ich nichts für mich. Aber ich war schon immer fasziniert von Menschen, die sich ganz dem Glauben widmen.

Einige Jahre zuvor bin ich bei einer Tageswanderung nach Kloster Schäftlarn auf dem Jakobsweg gegangen und ich überlegte ob das nicht eine Option sei. Ich tausche nicht meine Arbeit gegen eine andere Arbeit in einem fremden Land und laufen, ja laufen kann ich immer. Das mache ich gerne. Also ging die Recherche los. Wie toll der Francés hat ein gute Infrastruktur und ein dichtes Herbergsnetz. Die Kosten halten sich in Grenzen, da die Unterkünfte günstig sind und es ist einiges los. Also kann man irgendwie schon an Hilfe kommen wenn es sein muss. Perfekt nur noch den Chef fragen und auf gehts. Erstmal alles besorgen, was noch nicht vorhanden ist und einen Flug buchen.

Die Anreise war für mich schon ein Abenteuer… in Ländern sein, deren Sprache man nicht kann und diese Aufregung. Die legte sich dann nach meinen ersten Schritten. In St Jean Pied de Port stand ich nun vor dem Torbogen, der aus der Stadt hinaus führt. Es war ein erhabener Moment für mich und viel emotionaler als die Ankunft am Ziel- Die Kathedrale von Santiago de Compostela. Warum? Weil es wie gesagt mein erstes Soloabenteuer ohne vertraute Personen war. Es war ein Schritt gegen Ängste und Unsicherheiten. Ich bin der Meinung die Gesellschaft erzieht vorallem uns Frauen solche Ängste an. Und es ging mir niemals um das Ziel, sondern um das Wandern auf dem Weg. Ja und ?! Wandern kann man überall. Aber die Infrastruktur und Kosten lassen mich doch hin und wieder auf Jakobswege zurückkehren. Ich bin kein Mensch der immer den gleichen Ort bereist. Das mache ich nur in meiner Heimat. Es gibt leider viele Menschen, die nicht mal kennen, was in ihrer direkten Umgebung liegt.

Aber nach dem Francés muss ich gestehen, dass ich mich auf einen ruhigeren Weg freue und hoffe dort werden die Bekanntschaften noch intensiver. Auch fürchte ich dass der Kommerz an diesem Teil noch mehr zunehmen wird. Mich nervten damals schon ein wenig die Herbergsreklamen in der Meseta und die Flyer, die man in die Hand gedrückt bekommt. Es ist Schade das dies nicht unaufdringlicher geht. Aber es ist nunmal ein Wirtschaftszweig und wird vermarktet.

Was ich nun mitgenommen habe von meinem Camino- Offenheit und Mut. Trotz einiger Krisen auf dem Camino und auch mit Pilgern, habe ich mich nicht verbogen und bin offen für alles geblieben. Außerdem weiß ich nun was ich alleine doch trotz Ängste schaffen kann. Ich kannte bis zum Camino nur Tageswanderungen und als Vorbereitung meine erste mehrtägige auf dem Rothaarsteig. Aber ich fand die Entschleunigung so entspannend, dass ich mehr davon möchte. Ja das ist kein großer Umbruch und nichts weltbewegendes. Ich lebe mein Leben wie vorher nur mit einigen kleinen Änderungen.

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